Lisi und Nora in Schottland
Eine Bonusgeschichte über eine Reise zu Tante Ly und Onkel Ryan
ca. 10 Minuten
14 Seiten
4 Rätselfragen
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Lisis Märchenzeit

Eine Bonusgeschichte über eine Reise zu Tante Ly und Onkel Ryan
ca. 10 Minuten
14 Seiten
4 Rätselfragen
Es war noch ganz früh am Morgen, als Lisi und Nora mit Mama und Papa am Flughafen in Luxemburg standen. Die Koffer waren gepackt. Draußen ging gerade rosa die Sonne auf.
„Wir fliegen nach Schottland!“, rief Lisi und hüpfte auf und ab. „Zu Tante Ly und Onkel Ryan!“
Tante Ly ist Papas Schwester. Sie wohnt mit Onkel Ryan in Schottland. Onkel Ryan ist nämlich Schotte. Schottland liegt ganz im Norden von Großbritannien, auf einer großen Insel im Meer.
„Erst fliegen wir nach London-Stansted“, erklärte Papa. „Dort steigen wir um. Dann geht es mit einem anderen Flugzeug weiter nach Edinburgh.“
Nora drückte ihr Kuschelschaf an sich. „Ich bin ein bisschen aufgeregt“, gab sie zu. „Ich auch“, sagte Mama und lächelte. „Aufgeregt sein gehört zum Reisen dazu.“
Dann rollte das Flugzeug los. Es wurde schneller und schneller, und – wusch! – schon hoben sie ab.

Der Flughafen in Stansted war riesig. Überall eilten Menschen mit Koffern herum, und aus Lautsprechern klangen Durchsagen auf Englisch.
Zum Umsteigen mussten alle noch einmal durch die Kontrolle. Lisi legte ihre Jacke, ihren Schal und ihre Mütze in eine graue Kiste. Die Kiste fuhr auf einem Band durch eine Maschine.
Kurz danach griff Lisi an ihren Kopf. „Oh nein! Meine gelbe Mütze ist weg!“
Nora überlegte nicht lange. „Die liegt bestimmt noch in der Kiste. Komm, Papa, schnell!“
Die beiden liefen zurück. Eine freundliche Frau vom Flughafen winkte schon mit der Mütze. „Is this yours?“, fragte sie lachend. Das heißt: Gehört die dir?
„Yes!“, rief Nora stolz. Sie kannte schon ein paar englische Wörter.
„Danke, Nora!“, sagte Lisi und umarmte ihre große Schwester. „Du bist die beste Mützenretterin der Welt.“

Dann kam das Beste: Zum Flugsteig fuhren sie mit einem kleinen Zug, und zwar ganz ohne Fahrer! Lisi stand ganz vorne und tat so, als würde sie ihn lenken. „Tuuut, tuuut! Nächster Halt: Schottland!“
Im zweiten Flugzeug durfte Nora am Fenster sitzen. Unter ihnen lagen die Wolken wie ein riesiges, weiches Bett aus Watte.
„Mir knacken die Ohren“, sagte Lisi. „Kau einfach ein bisschen oder gähne ganz laut“, sagte Papa. Lisi gähnte so laut wie ein Löwe. Da knackte es, und alles war wieder gut.
Nach einer Weile riss die Wolkendecke auf. Unten glitzerte das Meer, und dahinter erschienen grüne Hügel.
„Da ist Schottland!“, rief Nora und drückte die Nase ans Fenster.

In Edinburgh holte Papa ein Mietauto ab. „Achtung“, sagte er, „in Schottland fährt man auf der linken Straßenseite!“ Lisi fand das sehr lustig. Das Lenkrad war auch auf der falschen Seite.
Die Straße schlängelte sich durch grüne Hügel. Überall grasten Schafe. „Eins, zwei, drei …“, zählte Nora. Bei hundert gab sie auf.
Endlich kamen sie in Moniaive an. Das ist ein winziges Dorf in einem grünen Tal, mit kleinen weißen Häusern und einem Bach. Vor einer Tür warteten schon Tante Ly und Onkel Ryan.
„Da seid ihr ja!“, rief Tante Ly und drückte Papa ganz fest. Onkel Ryan beugte sich zu den Mädchen hinunter. „Hello, wee lassies!“, brummte er mit tiefer, freundlicher Stimme.
„Was heißt das?“, flüsterte Lisi. „Hallo, kleine Mädchen“, lachte Tante Ly.

Am Abend gab es eine Überraschung. Mama hatte Raclette-Käse im Koffer mitgebracht, extra aus Luxemburg! Alle saßen um den kleinen Grill in Tante Lys Küche. Der Käse blubberte und schmolz.
Onkel Ryan brachte den Mädchen schottische Wörter bei. „Aye heißt ja“, sagte er. „Wee heißt klein. Und bonnie heißt hübsch.“
„Dann ist mein Kartoffelstück wee“, rief Lisi, „und mein Käse ist bonnie!“ Alle lachten.
Tante Ly erzählte, wie Papa früher als kleiner Junge war. „Er hat mich immer geärgert“, sagte sie. „Aber wenn ich traurig war, hat er mir sein letztes Bonbon geschenkt.“
Papa wurde ein bisschen rot. „Das stimmt“, gab er zu.
Nora stupste Lisi an. „Fast wie wir zwei!“

Am nächsten Morgen kochte Onkel Ryan Porridge. Das ist ein warmer Haferbrei. „Den essen wir Schotten schon seit Hunderten von Jahren zum Frühstück“, sagte er.
Lisi probierte. „Mit Honig ist er bonnie!“, sagte sie. Onkel Ryan lachte laut.
Danach gingen sie spazieren. Hinter einer Mauer aus Steinen stand ein riesiges Tier. Es hatte rotbraunes, zotteliges Fell, lange Haare über den Augen und zwei große, gebogene Hörner.
„Ist das ein Bär?“, fragte Lisi leise. „Nein, das ist eine Hochlandkuh“, sagte Onkel Ryan. „Wir sagen Hairy Coo, haarige Kuh. Ihr dickes Fell hält sie bei Wind und Regen warm.“
Die Kuh schnupperte neugierig an Lisis Bommel. „Sie denkt, das ist Futter!“, kicherte Nora und streichelte vorsichtig ihre wollige Stirn.

Am Nachmittag fuhren alle ans Meer und wanderten an der Küste entlang. Der Wind pfiff, und dicke graue Wolken zogen vorbei. „Das ist echtes schottisches Wetter“, sagte Onkel Ryan zufrieden.
Am Weg wuchsen Büsche mit leuchtend gelben Blüten. „Das ist Ginster“, sagte Tante Ly. „Riecht mal daran! Aber vorsichtig, er hat Stacheln.“
Lisi schnupperte. „Der riecht ja nach Kokosnuss!“, staunte sie. Nora schnupperte auch. „Wie Sonnencreme!“
Vorne liefen Papa und Tante Ly. Sie lachten und schubsten sich wie zwei Kinder.
„Wenn wir groß sind“, sagte Nora, „besuche ich dich auch, egal wo du wohnst.“
Lisi nahm ihre Hand. „Aye!“, sagte sie ganz schottisch.

Am Abend setzte sich Onkel Ryan an das Bett der Mädchen. „Soll ich euch von Nessie erzählen?“
„Wer ist Nessie?“, fragte Lisi und zog die Decke bis zur Nase.
„Weit im Norden von Schottland gibt es einen langen, tiefen See. Er heißt Loch Ness“, erzählte Onkel Ryan. „Manche Leute sagen, dass darin ein großes Tier mit einem langen Hals lebt. Sie nennen es Nessie.“
„Gibt es Nessie wirklich?“, fragte Nora. Onkel Ryan zwinkerte. „Gefunden hat sie noch niemand. Aber es ist eine schöne Geschichte. Ich glaube, wenn es Nessie gibt, dann ist sie sehr schüchtern und sehr freundlich.“
Lisi gähnte. „Ich träume heute von Nessie“, murmelte sie. Und dann schlief sie ein.

Ein paar Tage später hieß es Abschied nehmen. Tante Ly hatte zwei kleine Päckchen in der Hand.
Darin lagen zwei Schals aus kariertem Stoff, rot und grün. „Das ist Tartan, ein Schottenmuster“, erklärte Tante Ly. „Früher hatte jede schottische Familie ihr eigenes Muster. Jetzt habt ihr auch eins.“
Lisi band sich ihren gleich über ihren gelben Schal. „Jetzt habe ich zwei Schals. Doppelt warm!“
Onkel Ryan drückte Papa fest an sich. Tante Ly hatte ein bisschen feuchte Augen. „Kommt bald wieder“, sagte sie.
„Und ihr kommt uns in Luxemburg besuchen“, sagte Mama.
Dann fuhr das Auto los. Die Mädchen winkten aus dem Fenster, bis das kleine weiße Haus hinter dem Hügel verschwand.

Nun fuhr die Familie quer durch Schottland nach St Andrews. Das ist eine alte Stadt direkt am Meer. Dort gibt es einen langen, breiten Sandstrand.
„Wir bauen die größte Sandburg von ganz Schottland!“, rief Lisi. Sie schaufelte einen tiefen Graben. Nora baute Türme und schmückte sie mit Muscheln. Papa und Mama halfen mit.
Plötzlich kam eine Welle und füllte den Graben mit Wasser. „Jetzt hat unsere Burg einen echten Burggraben!“, jubelte Nora.
Hinter den Dünen sahen sie ein kleines Fähnchen im Gras. „Das ist ein Golfplatz“, sagte Papa. „In St Andrews spielt man schon seit fast sechshundert Jahren Golf.“
„Dann ist Golf ja noch älter als Oma!“, kicherte Lisi.

Danach liefen sie durch die Stadt. Zwischen grünem Gras standen hohe Mauern und Bögen aus Stein, aber ohne Dach. „Das war einmal die größte Kirche von Schottland“, erzählte Mama. „Heute ist davon nur noch eine Ruine übrig.“
„Hier könnte man gut Verstecken spielen“, flüsterte Nora.
Zur Belohnung gab es Eis für die Mädchen und eine Tüte Pommes für Papa. Sie setzten sich auf eine Bank.
Da – wusch! – sauste eine dicke Möwe herunter und schnappte Papa ein Pommes direkt aus der Hand.
„He!“, rief Papa verdutzt. Die Möwe flog kreischend davon.
Lisi und Nora hielten ihr Eis schnell ganz hoch. „Unser Eis kriegst du nicht!“, rief Lisi, und alle lachten, bis ihnen der Bauch wehtat.

Zum Schluss kamen sie nach Edinburgh, in die Hauptstadt von Schottland. Hoch oben auf einem riesigen, dunklen Felsen thronte eine mächtige Burg.
„Dieser Felsen war vor langer, langer Zeit ein Vulkan“, sagte Papa. „Aber keine Angst, der schläft schon seit Millionen von Jahren.“
Sie stiegen den Berg hinauf bis in die Burg. Von oben sahen sie über die ganze Stadt bis zum Meer.
„Gleich ist es ein Uhr“, sagte Mama. „Haltet euch lieber die Ohren zu.“
Die Mädchen sahen sich fragend an. Da machte es: BUMM!
„Hier wird fast jeden Tag um ein Uhr eine Kanone abgeschossen“, erklärte Papa. „Früher konnten die Seeleute auf ihren Schiffen so ihre Uhren richtig stellen.“

Danach schlenderten sie über die Royal Mile, eine lange Straße mit alten Häusern, Läden und Kopfsteinpflaster.
Mitten auf der Straße stand ein Mann im Schottenrock und spielte Dudelsack. Es klang laut, fröhlich und ein bisschen wie eine quietschende Gans. Lisi tanzte, und Nora klatschte dazu.
„Warum trägt der Mann einen Rock?“, fragte Lisi. „Das ist ein Kilt“, sagte Papa. „Den tragen schottische Männer zu besonderen Anlässen. Onkel Ryan hat auch einen.“
In einem Laden kaufte Mama den beiden ein kleines Plüsch-Einhorn. „Das Einhorn ist das Wappentier von Schottland“, erklärte sie. „Es steht für Mut und Stärke.“
Lisi drückte das Einhorn an sich. „Ich nenne es Bonnie.“

Am letzten Tag flogen sie von Edinburgh zurück nach Hause. Die Sonne ging golden über den Wolken unter.
„Was war das Schönste?“, fragte Mama.
„Die zottelige Kuh!“, sagte Lisi. „Nein, die Kanone! Nein, Onkel Ryans Wörter!“
Nora überlegte. „Für mich war das Schönste, wie Papa und Tante Ly zusammen gelacht haben. Wie richtige Geschwister.“
Papa lächelte. „Ihr zwei seid auch richtige Geschwister.“
Lisi kuschelte sich an Nora. Bald schlief sie mit Bonnie im Arm ein. Und ihre gelbe Mütze? Die hielt Nora diesmal ganz gut fest.
„Wee lassie“, flüsterte Nora und lächelte.

Zum Nachdenken: Wen aus deiner Familie würdest du gerne einmal besuchen? Und was würdest du dort zuerst entdecken wollen?